Chefs, Werte und der ganz normale Wahnsinn

Juli 11, 2013 in Ethik, Führung, Kommunikation, Neues von der Couch, Unternehmen, Werte

Titel: The Dark Side of Leadership - A study on the relation between organizational values, leadership style and
unethical behavior of employees

Autor: Alexandra Stiber

Worum geht’s?


Die grundlegenden Überlegungen zu dieser Forschung war die Frage nach der Ursache der Wirtschaftskrise 2007/2008 und ob unethisches Verhalten der einzelnen Mitarbeiter (nicht der Vorgesetzten!) eine Ursache dafür sein konnte.
Die Fragestellung der Arbeit war: Können Vorgesetzte ihre Mitarbeiter dazu verleiten, umethisch zu handeln ohne die Unternehmensinteressen zu umgehen?
Die Grundsätze eines Unternehmens werden im Normalfall als Unternehmenswerte festgelegt und etablieren sich über einen längeren Zeitraum, meist über Generationen. Diese Unternehmenswerte werden, unabhängig davon, ob sie schriftlich festgehalten werden -z.B. im Unternehmensleitbild, über die Vorgesetzten an die Mitarbeiter kommuniziert. Die Mitarbeiter verinnerlichen diese Werte und setzen sie in ihrer Arbeit um, das nennt man dann Internalisierung.
Was passiert nun, wenn diese Werte rein ökonomischer Natur sind? Wenn statt Fairness und Kundenorientierung, Werte wie Effizienz und Gewinnmaximierung an erster Stelle der Philosophie stehen?
An sich sind diese Werte in einem Unternehmen üblich, das oberste Ziel eines Unternehmens sollte es sein, Gewinn zu erwirtschaften. Was passiert aber, wenn die ökonomischen Werte alle anderen Werte überschatten?
Lässt sich aus ökonomischen Werten automatisch unethisches Verhalten ableiten. Unethisches Mitarbeiterverhalten bezeichnet hier in erster Linie stark utilitaristisches Verhalten im Sinne des “der Zweck heiligt die Mittel”. Zum Beispiel, dass gelogen wird, um die Unternehmensziele zu erreichen oder Kollegen übergangen werden.
Im nächsten Schritt wurde gefragt, ob ein eigentlich guter Vorgesetzte, der motivierend, inspirierend und fair ist, die Kommunikation der ökonomischen Werte durch sein Verhalten nicht noch ankurbeln kann und so – unabsichtig – die Mitarbeiter zu mehr unethischem Verhalten verleitet. Der Fachterminus für so einen Vorgesetzten ist “transformational” und bezeichnet die Führungsart. Als Beispiel für so einen Vorgesetzten wird häufig Steve Jobs genannt. Die Forschung über transformationale Führung hat seinen Ursprung in den 80er Jahren und ist seit den frühen 2000ern quasi “der ganz neue, heiße Scheiß”.
Ziel der Arbeit war es zu zeigen, dass transformationale Führung nicht immer das Non-Plus-Ultra ist, und zwar dann, wenn gleichzeitig zur Führung falsche Werte vermittelt werden.

Wie war das Vorgehen?

Die Erhebung der Daten erfolgte mittels einer Online-Umfrage, die von knapp 200 Teilnehmern ausgefüllt wurde. Insgesamt konnten davon knapp 80 Datensätze verwendet werden. Neben den obligatorischen demographischen Daten wurde nach den Werten im Unternehmen, der Führungsart des Vorgesetzten und dem Grad des unethischen Verhaltens in der eigenen Abteilung gefragt. Ich erspar euch jetzt die statischen Einzelheiten, aber die Durchführung und Auswertung war methodisch einwandfrei, da gibt es nichts zu meckern. Nur hätten es vielleicht ein paar mehr Teilnehmer sein können^^.

Was sind die Ergebnisse?

Es konnte gezeigt werden, dass ökonomische Werte tatsächlich zu unethischem Mitarbeiterverhalten führen kann. Das heißt: die Teilnehmer, die überdurchschnittlich angaben, dass in ihrem Unternehmen ökonomische Werte kommuniziert wurden, auch überdurchschnittlich von unethisches Verhalten in ihrer Abteilung berichteten. Auch konnte zumindest tendenziell gezeigt werden, dass transformationale Führung zusätzlich diesen Zusammenhang verstärkt.

Und was nützt mir das jetzt?

Wenn Du selber Vorgesetzter bist, solltest Du Dir an dieser Stelle evtl. mal Gedanken dazu machen, wozu du deine Mitarbeiter motivierst; vor allem, wenn du Parallelen zwischen Dir und Steve Jobs erkennst ;)
Außerdem sollten sich Unternehmen generell überlegen, welche Werte tatsächlich beim Mitarbeiter ankommen, d.h. welche Werte kommuniziert werden. Es nützt nichts, ein 20-seitiges Manifest über die Unternehmenswerte zu verfassen. Viel wichtiger ist es, sich darum zu kümmern, dass die Mitarbeiter auch nach diesen Werten täglich arbeiten.
Zuletzt stellt sich zumindest mir die Frage, inwieweit ökonomische Werte überhaupt in das Unternehmensleitbild gehören. Immerhin dürfte es jedem klar sein, dass das Unternehmen Gewinn erwirtschaften will und das ineffizientes Arbeiten nicht erstrebenswert ist. Wozu also predigen und verschriftlichen?

Was meint ihr? Sollten ökonomische Werte in einem Unternehmen gelebt werden? Ist unethisches Verhalten in diesem Sinne in der heutigen Marktwirtschaft tatsächlich noch verwerflich?

Hier könnt ihr übrigens die gesamte Arbeit lesen, wenn ihr wollt (und sonst kein Privatleben habt ;) –> Diplomarbeit_Stiber